Kaum eine andere Storyline hat die Spider-Man Lesergemeinschaft so gespalten wie die Klonsaga. Die Anzahl der Kritiker erscheint keineswegs kleiner als die der Befürworter.
Die Klonsaga war seinerzeit auf einige Monate konzipiert. Tatsächlich dauerte sie mehr als zwei Jahre, erstreckte sich über alle vier Serien, die damals noch erschienen und umfasste schließlich 134 Kapitel, die sich teilweise inhaltlich widersprachen.
Die Gründe für diese Verlängerung waren mannigfaltig. Marvel geriet nicht zuletzt wegen des kollabierenden Heftchenmarktes in Insolvenz. Marvel überstand das Verfahren und wurde von der eigenen Tochter, Toy Biz übernommen. Unabhängig, ob man nun als Leser Anhänger oder Kritiker der Klonsaga war, unstrittig dürfte sein, dass sie zu lang war.
Umso überraschender war die Nachricht Marvels, dass man nach nunmehr über 12 Jahren die Klonsaga in der Form veröffentlichen wollte, wie sie ursprünglich angedacht war.
Dass diese nun von Tom DeFalco und Howard Mackie erzählt wird, entbehrt nicht nur einer gewissen Pikanterie und Ironie, sondern überrascht noch ein wenig mehr. Tom DeFalco hatte die Zustimmung zur Klonsaga, zu der er überredet wurde, den Job als Chefredakteur bei Marvel gekostet und Howard Mackie hatte während und vor allem nach der Klonsaga so herbe Kritik einstecken müssen, dass er bei Spider-Man abgelöst wurde. Seine Comickarriere war faktisch beendet.
Ausgangslage der Klonsaga war, dass nach der Maximum Carnage Saga und nachdem Richard und Mary, Peters vermeintliche Eltern, als Roboter enttarnt wurden. Dann wurde Tante May urplötzlich sehr, sehr krank und rang mit dem Tod.
Diese Nachricht brachte Ben Reilly dazu, nach New York zurückzukehren und setzte so die Ereignisse der Klonsaga in Gang. Während der Klonsaga erfahren Mary Jane und Peter Parker, dass Mary Jane schwanger ist. Drahtzieher der Klonsaga scheint zunächst der Schakal zu sein. Doch der Schakal wie auch der mysteriöse Kaine handeln im Auftrag des wahren Masterminds.
Hier beginnen die Unterschiede zwischen der weit verzweigten Vorlage aus den 90er Jahren und der nunmehr veröffentlichten Story.
In einer Story, die um ein Vielfaches kürzer ist, müssen natürlich gewisse Wendungen schneller erzählt werden. Auch kann die Story nicht so selektiv aufgebaut werden. So verläuft das erste Zusammentreffen zwischen Peter und Ben diesmal wesentlich unvermittelter. Natürlich misstrauen sie sich zunächst, aber die gemeinsame Gefahr schweißt sie zusammen. Der Erzählstil mit seinen zahlreichen Wortgefechten zwischen den beiden Protagonisten erinnert sehr an das Original.
Die Klonsaga der 90er Jahre ist lange dadurch geprägt, dass Peter und Ben herauszufinden versuchen, wer der echte Peter Parker und wer der Klon ist. Die Story wurde so konstruiert, dass Ben Reilly als der echte Peter galt, während der Peter Parker, den alle Leser kannten, plötzlich als Klon galt. Folglich hatten die Leser seit Jahren die Abenteuer eines Klons gelesen. Die Protestwelle der Leserschaft war so groß und die erneut sinkenden Leserzahlen so drastisch, dass dies erneut gedreht wurde. Tom DeFalco hatte genau dies befürchtet und einen „Notausgang“ installieren lassen. Dieser Notausgang war der augenscheinlich sympathische, aber auch labile und daher ein wenig zwielichtige, Seward Trainer, der konsequenterweise in der vorliegenden Story, die nur noch sechs Ausgaben umfasst, völlig fehlt.
In der vorliegenden Story beschäftigt dieses Problem die Protagonisten eher beiläufig, und es wird rasch und zweifelsfrei geklärt, wer das Original und wer der Klon ist.
Insbesondere DeFalco legt regelmäßig großen Wert auf einen ausgeprägten Supporting Cast. Wer dies mag, wird auch diesmal nicht enttäuscht. Die Charaktere des Daily Grind finden auch hier ihren Platz und werden, wie heutzutage bei Nebencharakteren meist üblich, nicht nur eindimensional dargestellt, so dass diese Nebencharaktere die Handlung deutlich beleben. Das offensichtlichste Beispiel hierfür ist Kaine, dessen Wandlung nicht nur beeindruckend geschildert wird, sondern der dem Kaine des M2-Universums wesentlich näher kommt als der Kaine, wie man ihn in den 90er Jahren erlebt hat. Nur so ist auch eine Tat Kaines zu erklären, die in dieser Version das komplette 616 Universum oder doch zumindest das Spider-Man Universum nachhaltig und wesentlich verändert hätte. Wer gerade dies aufmerksam mit der Klonsaga der 90er Jahre vergleicht, muss schon zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass dies auch immer so gewollt war. So wird einer der abstrusesten Widersprüche der Klonsaga, der zu der kaum nachvollziehbaren Rückkehr von Tante May führte, aufgelöst bzw. eben dieser Widerspruch wäre erst gar nicht aufgekommen.
Norman Osborn, der ebenso von den Toten zurückgeholt werden musste, war allein schon aus diesem Grund völlig zu Recht als Mastermind der 90er Jahre umstritten. Völlig überraschend wartet das Autoren-Duo mit einem anderen Mastermind auf. Dieses neue Mastermind macht die Story und einige Wendungen in der Vergangenheit der Spider-Man Stories viel interessanter, weil der Leser so viel mehr miteinbezogen wird. Dies erreichen die Autoren nicht zuletzt mit einer Aussage, mit der sie fast schon beiläufig, aber doch nachvollziehbar, die Rückkehr des neuen Masterminds erklären. Dabei gehören gerade die Kopfspielchen dieses Masterminds zu seiner üblichen Vorgehensweise, was auch die Akzeptanz des Lesers erhöht. Beiläufig wäre der ebenso häufig kritisierte Brand New Day ad absurdum geführt.
Insgesamt ist also die vorliegende Ur-Version der Klonsaga nicht nur kürzer und daher auch stringenter erzählt, sondern ist auch für den Leser nachvollziehbarer. Subplots, die sich gegenseitig widersprechen, gibt es nicht. Fast schon ärgerliche Nebencharaktere wie Spidercide werden erst gar nicht eingeführt. Dennoch hat man als Leser das Gefühl, dass DeFalco und Mackie in diesen sechs Teilen mehr erzählen als die anderen Autoren in über zwei Jahren. Doch, wo Licht ist, ist auch Schatten. Natürlich muss ein Mehr an Story in viel kürzerer Zeit zu Lasten des Erzähltempos gehen. So sind einige Handlungssprünge wie die Nachricht um Mary Janes Schwangerschaft, die gerade noch an Morgenübelkeit litt und über die im nächsten Moment bereits jeder weiß, dass sie schwanger ist, unübersehbar. Doch selbst solche Handlungssprünge lassen den Leser nicht vergessen, dass man so auch heute noch spannende Spider-Man Stories erzählen kann. Dies ist eine Aussage, zu der ich mich bei den aktuellen Spider-Man Autoren kaum hinreißen lassen würde.
Das Artwork Todd Naucks, der übrigens gerne mal eine Signiertour durch Deutschland machen würde, ist schlichtweg begeisternd, ist ein weiterer wesentlicher Mosaikstein dieser großartigen Story. Naucks Paneleinteilung und sein klarer Strich schaffen eine Dynamik, wie man sie nicht allzu oft genießen darf.
Natürlich ist die vorliegende Story auch an Panini nicht vorbeigegangen. The Real Clone Saga wird in 100% Marvel # 52 auf deutsch veröffentlicht.




